Interview with Kumi Naidoo, Executive Director of Greenpeace International (Part 11)

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NACHRICHT VON KUMI AN GPOO

Ich würde sagen, dass, wenn uns die Geschichte irgendetwas lehrt, es bei den Kämpfen für Gerechtigkeit, für die Schaffung einer nachhaltigeren und faireren Welt nicht so sehr um die heroischen Opfer von wenigen oder um dynamische Führer geht, sondern um die kleinen Beiträge der größtmöglichen Anzahl von Personen. Daraus entspringt Integrität, Nachhaltigkeit, und wenn Dinge schief laufen, wird es rascher zu einer Korrektur kommen. Wir haben in vielen Teilen der Welt viel zuviel Vertrauen in Führer gesetzt, diese zu sehr gefeiert, und wurden früher oder später von ihnen schwer enttäuscht. Unterschätzt nicht die kleinen Beiträge von vielen und deren Fähigkeit, eine Veränderung herbeizuführen.

Was ich ebenfalls erwähnen möchte ist, dass Aktivismus sexy sein kann, Spaß macht. Meine besten Freunde heute sind jene, mit denen ich über Jahre hinweg gemeinsam Aktionen gemacht habe. Sie sind Teil meines Lebens, manche machen zwar mittlerweile Dinge im privaten Sektor, mit denen ich nicht einverstanden bin, aber die Beziehung, die wir während unserer Zeit als Aktivisten aufgebaut hatten, ist tief. Wenn du jemandem sagst: “Ich werde mich am Ort X verstecken. Du musst mich um so und soviel Uhr abholen und sicherstellen, dass dir keine Polizisten oder andere Leute folgen und keinem etwas davon erzählen”, wenn du dich also in einem Kampf befindest und dein Leben in die Hände einer Person deines Vertrauens legst, dann bauen sich sehr starke Beziehungen auf.

Lasst mich eine Anekdote erzählen. Ein junges Mädchen im Osten Südafrikas befindet sich am einen Strand, an den massenhaft Sardinen gespült werden. Das Mädchen kann diesen Anblick nicht ertragen und beginnt, einen Fisch nach dem anderen zurück ins Meer zu werfen, um ihnen so das Leben zu retten. Ein älterer Mann sieht das Ganze und spricht: “mein liebes Kind, warum tust du das? Es macht keinen Unterschied, es sind zuviele.” Und das Mädchen entgegnet: “Aber für jeden einzelnen Fisch, den ich ins Wasser zurückgeworfen habe, der es von selbst nicht mehr geschafft hätte, hat es einen Unterschied gemacht.”

Die Moral der Geschichte ist, dass man Erfolg nicht danach bemessen sollte, ob es ein großer Sieg, ein großer Beitrag war. Man kann auch dann von Erfolg sprechen, wenn es sich um einen kleinen Sieg, einen kleinen Beitrag handelt, denn all dies werden sich eines Tages zu einem großen Sieg aufaddieren. Und man muss auch Geduld aufbringen, darf die Hoffnung niemals aufgeben.

Die für meine Arbeit nötige Energie und das nötige Durchhaltevermögen hat mir mein bester Freund Lenny Naidoo gegeben, der vom Apartheid-Regime ermordet wurde. Er war ein sehr philosophischer Mann, stellte immer wieder philosophische Fragen, und als wir beide 22 Jahre alt waren und aus Südafrika flohen, fragte er mich: “Kumi, was denkst du, ist der größte Beitrag, den man für Gerechtigkeit und Humanität leisten kann?”. Ich sagte: “Das ist einfach zu beantworten: man gibt sein Leben.” Lenny hakte nach: “du meinst beispielsweise, in einer Demonstration teilzunehmen, dabei erschossen und nachher zu einer Art Märtyrer zu werden?” Darauf ich: “Ja, ich würde so sagen.” Lenny aber verneinte. “Es geht nicht darum, dein Leben zu geben, sondern darum, den Rest deines Lebens zu geben.”

Ich war zu jenem Zeitpunkt 22 jahre alt und hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Zwei Jahre später, als ich im Exil war, erhielt ich einen Anruf und wurde davon in Kenntnis gesetzt, dass Lenny und drei junge Frauen aus unserer Heimatstadt vom Apartheid-Regime auf brutalste Weise ermordet worden waren. Soviele Gewehrkugeln steckten in ihren Körpern, dass deren Eltern nicht in der Lage waren, sie im Leichenhaus zu identifizieren.

Ich musste oft und lange darüber nachdenken, was er mir damals sagen wollte. Und was er gemeint hat, ist, dass der Kampf für Gerechtigkeit kein Sprint ist, sondern ein Marathon. Der größte Beitrag, den jeder von uns leisten kann, ist, sein Leben solange der Sache zu widmen, bis die Ungerechtigkeiten von der Bildfläche verschwunden sind. Das ist wahres Engagement. Es gibt viele Menschen, die beispielsweise bei Demonstrationen erschossen wurden und zu Märtyrern wurden, aber wer weiss, hätten sie überlebt, wären sie vielleicht ein Robert Mugabe geworden, der einmal ein sehr populärer Befreiungskämpfer in Simbabwe war und sich später gegen sein eigenes Volk wandte. Wir haben Derartiges so oft erleben müssen, in Europa, Asien, Afrika, überall.

Meine Hauptbotschaft, vor allem an junge Leute, ist diese: habt kein Vertrauen in uns alte Personen, wirklich, ihr wäret dumm, uns zu vertrauen. Denn wir sind nicht mehr in der Lage, die Welt so wie ihr mit frischen Augen zu sehen. Junge Menschen müssen erkennen, dass sie am meisten zu gewinnen und auch am meisten zu verlieren haben, denn sie werden länger leben. Glaubt an eure Fähigkeit, einen Unterschied machen zu können. Wenn du nicht an deine Fähigkeiten glaubst, dann ist das der Punkt, an dem du ansetzen und dir selber sagen musst: “ich kann einen Unterschied machen!”.

Meine Mutter pflegte zu sagen, dass es besser ist, es zu versuchen und zu scheitern als zu scheitern, etwas zu versuchen. Und das ist die Wahl, die wir alle haben. Ich selbst bin im Laufe der Jahre mit so vielen Kampagnen gescheitert. Ich brauche gar nicht zu zählen um zu wissen, dass ich in meinem Leben mehr Kampagnen verloren als gewonnen habe. Aber eine Kampagne zu verlieren bedeutet lediglich, dass du diese eine Episode verloren hast. Aus der Niederlage kannst du Lehren ziehen, und wenn du immer offen für neue Lektionen bist, wirst du eines Tages der Menschheit einen Dienst erweisen.

Am Ende möchte ich noch folgendes Zitat bringen: wenn du einem Mann einen Fisch gibst, gibst du ihm Essen für einen Tag. Zeigst du ihm aber, wie man fischt, dann gibst du ihm Essen für ein ganzes Leben. Aber wir müssen bereit sein, alles kritisch zu hinterfragen, auch das, was uns als die allein seligmachende Wahrheit präsentiert wird. Denn wenn du heutzutage einem Mann beibringst, wie man fischt, stellt sich die Frage, ob er überhaupt einen Zugang zu sauberes Wasser mit Fischen, die nicht vergiftet sind, hat, ob er Zugang zu einer Fischereiausrüstung hat. Und wenn der Mann zu fischen gelernt hat, ist damit auch sichergestellt, dass die Fische zu den anderen Familienmitgliedern gelangen?

Es geht also nicht um Wissens- und Technologietransfer, sondern um Machtverteilung, und meine Botschaft an die Zuhörer ist diese: fürchtet euch nicht davor, Dinge infrage zu stellen, die verdorben riechen. Selbst wenn etwas nur leicht verdorben richt, stelle es infrage. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du herausfinden, dass es viel verdorbener war, als du gedacht hast!

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